Veröffentlicht am Di., 24. Mär. 2020 21:44 Uhr

Ein Foto von einer riesigen Stahlskulptur vor vertrauter Berliner Seenlandschaft, wolkenverhangener Winterhimmel und doch ein Silberstreif am Horizont, der sich im Wasser spiegelt. Die Skulptur steht in Schwanenwerder, der kleinen Havelinsel, im Garten der Evangelischen Bildungsstätte. Sie stellt ein Kreuz dar, aber merkwürdig zurückgebogen mit ungleichmäßig ausladenden Querstreben. Es erinnert mich mehr an einen Menschen, der mir mit weit geöffneten Armen voller Freude entgegenkommt, um mich zu umarmen oder um mich aufzufangen, in jedem Fall um mich festzuhalten.

HALTUNG  heißt das Werk des Künstlers Christian Röhl (1940-2013). 

HALTUNG hat Jesus am Kreuz bewiesen. Im tiefsten Leid hat er noch ein Ohr für seine Mitmenschen gehabt, die neben ihm an den beiden anderen Kreuzen hingen, noch im tiefsten Leid auf Gott vertraut, den Kreuzestod mit offenen Armen angenommen. Aufrecht und unerschrocken, bereit uns zu umarmen und zu halten. 

Um HALTUNG ringen wir in diesen Tagen alle. Um Gelassenheit, um Besonnenheit,  um Solidarität statt Eigennutz, Einkäufe für Ältere statt Hamstern für den eigenen Keller, Rücksichtnahme statt Drängeln, Mitgefühl und Anteilnahme statt Angst vor Kontakt, bei gebotener Vorsicht, um Zuversicht, dass wir, dass diese Gesellschaft diese Krise meistern wird, vielleicht sogar an ihr wachsen wird. 

Es gelingt uns besser oder schlechter. Leichter haben es die, die durch Arbeit abgelenkt sind, die dadurch die Bodenhaftung behalten. Leichter fällt es auch manchen Alten, die schon ganz andere Katastrophen erlebt und überlebt haben. Leichter fällt es auch vielen jungen Leuten, die noch unbekümmerter sind und gesundheitlich weniger bedroht, die die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft noch nicht so abschätzen können. 

Aber es bleiben in allen Altersgruppen genug Menschen,  die die nackte Existenzangst packt, die sich einsam oder eingesperrt fühlen, oder beides, die Angst haben (um sich und um andere) ihre eigenen erwachsenen Kinder zu sehen, weil diese mit Verdachtsfällen Kontakt hatten, die sich hilflos fühlen und gern etwas tun möchten. Besonders schwer haben es Alleinerziehende mit Kindern in einer engen Stadtwohnung und doch der Verpflichtung aus dem Home Office zu arbeiten. Auch für unseren Glauben ist die gegenwärtige Situation eine Herausforderung: Wie kann Gott das zulassen, werden wir gefragt. Will er uns strafen? Man könnte es ja gut verstehen, sagen wir uns. 

Und dann dieses Kreuz, dieser Mensch und Gott, den ich darin erkenne, der da in seinem eigenen Leid mit ausgebreiteten Armen auf  mich wartet, um mich zu halten, damit ich meine HALTUNG in meinem Leid nicht verliere. 

Für das Schaukastenteam
Maren Topf-Schleuning

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