Veröffentlicht von Hellmuth Tromm am So., 22. Mär. 2020 17:49 Uhr

In unserer Johanneskirche haben die liturgischen Farben eine große Bedeutung. Die farbigen Antependien – das sind die schmuckvolle Tücher an der Kanzel – wurden vor einigen Jahren angefertigt. Die moderne Form löste damals heftigste Debatten aus. Dabei wurde ein wichtiges Antependium gar nicht entworfen. Es hätte wahrscheinlich noch lebhaftere Diskussionen ausgelöst. Denn dieses Tuch hätte rosa (!) sein müssen. Rosa war tatsächlich lange Zeit eine liturgische Farbe. Sie war nur für diesen Sonntag gedacht - Lätare. 

Rosa ist angesiedelt zwischen dem Lila der Passion und dem österlichen Weiß. Denn dieser Sonntag wurde auch das kleine Ostern genannt. Lätare heißt übersetzt: Freut Euch. Österliche Freude inmitten der Passionszeit. Zwischen Lila und Weiß, eben Rosa. Die Freude ist in dem Evangelium vom Weizenkorn begründet. Jesus beschreibt sich selbst als ein Weizenkorn, das viel Frucht bringt. 

Der Evangelist Johannes erzählt: 

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der verliert es; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's bewahren zum ewigen Leben.
(Joh 12,20-24) 

Da kamen ein paar Griechen. Es waren Leute mit Interesse am jüdischen Glauben, sogenannte Proselyten. Es waren „Heiden“. Sie wollten Jesus sehen. Ich höre in dieser Frage „Wo ist Christus?“ noch mehr als den bloßen Wunsch der Proselyten, Jesus zu sehen. 

Es ist die Grundfrage nach Sinn in meinem Leben. Wo ist Christus? Wie wird Jesus Christus relevant für mich und mein Leben? Welche Botschaft hat er für unsere Zeit? 

Diese Fragen stellen bei Johannes nun aber nicht die Jünger und späteren Apostel. Sondern die Menschen draußen fragen so. Deswegen erzählt der Evangelist so merkwürdig umständlich: Die Griechen fragen Philippus, Philippus fragt Andreas und Andreas fragt dann Jesus selbst. Die Jünger sind sprachlos. Ich sehe es vor mir. Ihr Blick geht von einem zum anderen: Weißt Du es? Wo ist Christus? Wo ist Christus hier und jetzt, in Corona-Zeiten? 

Und dann antwortet Jesus. Seine Antwort ist nicht an die Proselyten, die Heiden da draußen, sondern an die Jünger gerichtet. „Der Menschensohn muss verherrlicht werden am Kreuz“- Erst das Kreuz. Erst dann haben die Jünger etwas zu sagen. Erst dann haben sie etwas zu sagen, von einem Gott, der im Tod die Treue hält. Erst dann haben die Jünger etwas zu sagen, dass aus einem toten Weizenkorn eine neue Frucht erwächst. Erst nach Ostern können sie davon erzählen. 

Aus dem Tod wird Leben. Der Tod eines schandbar aufs Kreuz Gelegten trägt Frucht. Du und ich - wir sind ein Teil dieser Frucht. Aus ihm ist etwas Neues geworden: Wir. Und so werden alle in sein österliches Leben hineingezogen. Neu lebendig. Welch Freude! Als seine Frucht sind wir Weizenkorn-Existenzen. Nur so ist also Christus zu sehen – in dieser Frucht nach dem Ersterben. Nur so ist Christus zu sehen – in der Nachfolge seiner Weizenkornexistenzen. Deshalb schließt der Abschnitt mit der Feststellung: „Wer mir dienen will, der folge mir nach.“ 

Das klingt nun erst einmal einfach und richtig. Das Bild vom Weizenkorn richtet den Blick jedoch nicht nur auf Christus und die österliche Verwandlung. Sondern der Blick orientiert sich auch auf die Frucht, die vielen Weizenkörner. Wer bin ich und wie lebe ich als Weizenkornexistenz? 

Die Gestalt der Nachfolge ist für die Weizenkornexistenz nie die letzte Gestalt. Das Weizenkorn erstirbt, bevor es neue Frucht bringt. So soll auch ich sein, ich und meine frommen praktischen Folgerungen, ich und meine selbstverliebten Gedanken. Ich als Weizenkorn muss ersterben, damit neues Leben wird? 

Neben der österlichen Botschaft des Weizenkornwortes scheint mir dieser Gedanke der verwandelnden Nachfolge für unsere Tage recht passend zu sein. Was wissen wir schon, wohin uns diese Krise führen wird? Wie werden wir uns begegnen? Was wissen wir schon, was alles ersterben wird? Das Weizenkornwort verheißt: Es wird anders sein – aber es wird gut sein. 

Mich erreichte unter den zahllosen Nachrichten dieser Tage, die auf WhatsApp kursieren, ein Text. Er erzählt vom Ersterben, aber auch von der Hoffnung auf Neues Leben, das darin begründet ist. Die Krise ist schmerzvoll – aber sie wird Gutes bewirken. 

„Es könnte sein, dass in Italiens Häfen die Schiffe für die nächste Zeit brach liegen, ... es kann aber auch sein, dass sich Delfine und andere Meereslebewesen endlich ihren natürlichen Lebensraum zurückzuholen dürfen. Delfine werden in Italiens Häfen gesichtet, die Fische schwimmen wieder in Venedigs Kanälen! 

Es könnte sein, dass sich Menschen in ihren Häusern und Wohnungen eingesperrt fühlen, ... es kann aber auch sein, dass sie endlich wieder miteinander singen, sich gegenseitig helfen und seit langem wieder ein Gemeinschaftsgefühl erleben. Menschen singen miteinander!!! 

Es könnte sein, dass die Einschränkung des Flugverkehrs für viele eine Freiheitsberaubung bedeutet und berufliche Einschränkungen mit sich bringt,... es kann aber auch sein, dass die Erde aufatmet, der Himmel an Farbenkraft gewinnt und Kinder in China zum ersten Mal in ihrem Leben den blauen Himmel erblicken. Sieh dir heute selbst den Himmel an, wie ruhig und blau er geworden ist! 

Es könnte sein, dass die Schließung von Kindergärten und Schulen für viele Eltern eine immense Herausforderung bedeutet,... es kann aber auch sein, dass viele Kinder seit langem die Chance bekommen, endlich selbst kreativ zu werden, selbstbestimmter zu handeln und langsamer zu machen. Und auch Eltern ihre Kinder auf einer neuen Ebene kennenlernen dürfen. 

Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleidet,... es kann aber auch sein, dass wir endlich erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist. Wir sind zu Marionetten der Wirtschaft geworden. Es wurde Zeit zu spüren, wie wenig wir eigentlich tatsächlich brauchen. 

Es könnte sein, dass dich das auf irgendeine Art und Weise überfordert, ... es kann aber auch sein, dass du spürst, dass in dieser Krise die Chance für einen längst überfälligen Wandel liegt,
- der die Erde aufatmen lässt,
- die Kinder mit längst vergessenen Werten in Kontakt bringt,
- unsere Gesellschaft enorm entschleunigt,
- die Geburtsstunde für eine neue Form des Miteinanders sein kann,
- der Müllberge zumindest einmal für die nächsten Wochen reduziert,
- und uns zeigt, wie schnell die Erde bereit ist, ihre Regeneration einzuläuten, wenn wir Menschen Rücksicht auf sie nehmen und sie wieder atmen lassen. 

Wir werden wachgerüttelt, weil wir die Dringlichkeit selbst nicht erkannten. Denn es geht um unsere Zukunft. Es geht um die Zukunft unserer Kinder.“
(Verfasser unbekannt)

Es geht um die Zukunft – die Weizenkörner, die viel Frucht bringen. 

Amen.

Pfarrer Dr. Ulrich Schöntube, 22.03.2020

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